“Augenzeugengedächtnis und Suggestibilität bei Kindern"

    

Wolfgang Schneider & Claudia Roebers

     

Mit dem Forschungsprojekt "Augenzeugengedächtnis und Suggestibilität bei Kindern" wurde ein bislang in Deutschland kaum vorhandener Forschungszweig in der Entwicklungspsychologie etabliert. Es geht bei diesem Projekt im Wesentlichen um die Frage, ob, ab welchem Alter und unter welchen Bedingungen Kinder in der Lage sind, eine glaubwürdige Zeugenaussage über ein beobachtetes Ereignis zu liefern. Dazu wird unter anderem versucht, eine Interviewtechnik für Kinder zu entwickeln, die Kindern hilft, möglichst viel, aber auch ausschließlich richtige Information aus dem Gedächtnis abzurufen (Elischberger & Roebers, 2001; Roebers & Elischberger, im Druck). Es hat sich nämlich immer wieder herausgestellt, daß die wenigen Angaben, die Kinder spontan über ein Ereignis machen durchweg korrekt sind (Cassel, Roebers & Bjorklund, 1996; Roebers & Schneider, 2001; im Druck). Fehler treten in der Regel erst dann auf, wenn spezifische Fragen beantwortet werden sollen (Cassel et al., 1996; Roebers, Rieber & Schneider, 1995; Roebers & Schneider, 2000). In "echten" Fällen eines kindlichen Zeugen werden aber häufig spezifische Fragen gestellt, weil Kinder nur sehr spärliche Angaben von sich aus machen. Im Projekt werden deshalb Befragungsmethoden erprobt, die entweder die freien Berichte von Kinder verlängern oder die die Wahrscheinlichkeit für falsche Antworten bei konkretem Nachfragen verringern können (Roebers, Moga & Schneider, 2001).

Szene aus dem Film “Der einzige Zeuge” mit Harrison Ford

 

Vor Gericht ist eine gute Zeugenaussage nicht eine möglichst ausführliche, sondern eine möglichst fehlerfreie und konsistente. Darüber hinaus werden im Projekt die Auswirkungen von Suggestiv-Fragen auf das Gedächtnis und spätere Berichte von Kindern untersucht. Insgesamt bestätigen die bisherigen Ergebnisse Befunde aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum, daß vom Kindergartenalter bis zum Ende der Grundschulzeit Kinder immer besser in der Lage sind, eine korrekte Wiedergabe eines Ereignisses zu liefern, häufiger irreführenden Suggestiv-Fragen zu widerstehen und in einem Wiedererkennungstest korrekte Antworten zu geben. Diese Fähigkeiten weisen eine starke Abhängigkeit zu dem Gedächnis für das Ereignis auf: bei gut erinnerten Sachverhalten ist auch die Mehrzahl der Kindergartenkinder in der Lage, Suggestiv-Fragen zu widerstehen. Bei Detailinformationen hingegen liegen die Antworten nicht oder kaum über der Ratewahrscheinlichkeit. Werden die Anforderungen und die Wahrnehmung des sozialen Druckes im Interview durch Manipulationen des Antwortkriteriums systematisch variiert, lassen sich entsprechende Veränderungen in der Genauigkeit der von den Kindern insgesamt gemachten Angaben erzielen. Das Forschungsprojekt versucht also, Befunde aus der Grundlagenforschung zur Gedächtnisentwicklung auf ihre Gültigkeit in dem anwendungsorientierten Bereich des Augenzeugengedächtnisses von Kindern und ihrer Suggestibilität hin zu überprüfen.

  

Veröffentlichungen zum Thema

 

Im Druck

    

Roebers, C. M. (in press). Confidence judgments in children’s and adults‘ event recall and suggestibility. Developmental Psychology.

     

Roebers, C. M. & McConkey, K. M. (in press). Mental Reinstatement of the Misinformation Context and the Misinformation Effect in Children and Adults. Applied Cognitive Psychology.

     

Roebers, C. M. & Fernandez, O. (in press). The effects of accuracy motivation on children’s and adults’ event recall,suggestibility, and their answers to unanswerable questions. Journal of Cognition and Development.

 

Roebers, C. M. & Schneider, W. (in press). Stability and consistency of children's event recall. Cognitive Development.

 

2002

 

Roebers, C. M., Bjorklund, D. F., Schneider, W. & Cassel, W. S. (2002). Differences and similarities in event recall and suggestibility between children and adults in Germany and the United States. Experimental Psychology, 49, 132-140.

 

Roebers, C. M. & Elischberger, H. B. (2002). Autobiographische Erinnerung bei jungen Kindern: Möglichkeiten und Grenzen bei der Verbesserung ihrer freien Berichte. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 34, 2-10.

 

Roebers, C. M. & Schneider, W. (2002). Stability and consistency of children's event recall. Cognitive Development, 84, 1-19.

 

Schwarzer, G. & Roebers, C. M. (2002). Children's face recognition in different contexts: The role of encoding strategies. Perceptual and Motor Skills, 94, 281-294.

 

2001

 

Elischberger, H. B. & Roebers, C. M. (2001). Improving young children's free narratives about an observed event: the effects of nonspecific verbal prompts. International Journal of Behavioural Development, 25, 160-166.

 

Roebers, C. M., Moga, N. & Schneider, W. (2001). The role of accuracy motivation on children's and adults event recall. Journal of Experimental Child Psychology, 78, 313-329.

 

Roebers, C. M. & Schneider, W. (2001). Individual differences in children's eyewitness recall: The effect of intelligence and shyness. Applied Developmental Science, 5, 9-20.

 

Roebers, C. M. & Schneider, W. (2001). Memory for an observed event in the presence of prior misinformation: Developmental patterns in free recall and identification accuracy. British Journal of Developmental Psychology, 19, 507-524.

 

2000

 

Roebers, C. M. & Schneider, W. (2000). The impact of misleading questions on eyewitness memory in children and adults. Applied Cognitive Psychology, 14, 509-526.

 

1999

 

Roebers, C. M. & Lockl, K. (1999). Der Einfluß von Metakognitionen und vorheriger Irreführung auf die Identifikationsleistungen kindlicher Augenzeugen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 31, 116-126.

 

Weber, J. M. & Roebers, C. M. (1997). Qualitative und quantitative Effekte von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Zeugenaussage von Schulkindern. Praxis der Rechtspsychologie, 7, 187-203.

 

1997

 

Weber, J. M. & Roebers, C. M. (1997). Qualitative und quantitative Effekte von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Zeugenaussage von Schulkindern. Praxis der Rechtspsychologie, 7, 187-203.

 

1996

 

Cassel, W. S., Roebers, C. M. & Bjorklund, D. F. (1996). Developmental patterns of eyewitness responses to repeated and increasingly suggestive questions. Journal of Experimental Child Psychology, 61, 116-133.

 

1995

 

Roebers, C. M., Rieber, F. & Schneider, W. (1995). Zeugenaussagen und Suggestibilität als Funktion der Erinnerungsgenauigkeit: Eine entwicklungspsychologische Studie. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 27, 210-225.