Bedingungen und intraindividuelle Entwicklungsverläufe strategischer Gedächtnisprozesse zwischen 5 und 12 Jahren: Gedächtnisentwicklung im Längsschnitt
Wolfgang Schneider, Veronika Kron-Sperl, Michael Hünnerkopf & Kristin Krajewski
Wie zahlreiche Querschnittstudien belegen, kommt strategischen Gedächtnisprozessen in der Kindheit eine zentrale Rolle für die Entwicklung der späteren Leistungsfähigkeit des menschlichen Informationsverarbeitungssystems zu.
In Abhängigkeit davon, wie umfangreich Strategien angewendet werden, über welche Arbeitsgedächtniskapazität der Lernende verfügt und wie viel Vorwissen er über die zu behaltenden Informationen besitzt, können unterschiedliche Entwicklungszeitpunkte der spontanen und effektiven Strategienutzung unterschieden werden. Bisher wurden in querschnittlichen Analysen drei Phasen des allgemeinen Entwicklungsverlaufes strategischer Gedächtnisprozesse postuliert: (1) die Phase eines Mediationsdefizits, bei der Kinder weder spontan Strategien produzieren noch von expliziten Unterweisungen der Strategie profitieren; (2) die Phase eines Produktionsdefizits, bei der Strategien zwar nicht spontan wohl aber nach entsprechender Instruktion angewendet werden; (3) die Phase eines Nutzungsdefizits, die durch spontanen Strategiegebrauch ohne nennenswerten Leistungsvorteil charakterisiert ist.
Im Fokus unseres Forschungsprojektes steht die Frage, ob und inwiefern diese aus den Querschnittsbefunden abgeleitete Entwicklung von Gedächtnisstrategien auch längsschnittlich in der Gedächtnisentwicklung jedes einzelnen Kindes gefunden werden kann. Hierfür wurde eine Stichprobe von 102 Vorschulkindern rekrutiert, die seit April 2001 halbjährlich in zweistündigen Einzeltestungen hinsichtlich verschiedener Gedächtnisaspekte untersucht werden. Durch das längsschnittliche Design soll insbesondere das Auftreten des Nutzungsdefizits genauer überprüft werden. Zudem wird untersucht, welchen Einfluss Arbeitsgedächtnis und Metagedächtnis sowie Motivation und Selbstkonzept der eigenen Gedächtnisfähigkeiten auf interindividuelle Entwicklungsunterschiede haben. Ob die Gedächtnisentwicklung tatsächlich durch das Phasenmodell der Strategieentwicklung beschrieben werden kann oder besser durch das sogenannte Optimierungsmodell des „Fuzzy-Trace“-Ansatzes erklärbar ist, soll ebenso nach Abschluss des Projektes (im Jahr 2004) beantwortet werden können.
Publikationen:
Hünnerkopf, M., Schneider, W. & Hasselhorn, M. (2006). Strategiemodell vs. Optimierungsmodell: Welches Modell kann Gedächtnisleistungen im Grundschulalter besser vorhersagen? Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 38(3), 110-120.
Hünnerkopf, M. (2006). Die Entwicklung der Wiederholungsstrategie im späten Grundschulalter. Längsschnittliche Analysen. Hamburg: Verlag Dr. Kovač.
Kron-Sperl, V. (2005). Entwicklung und Effektivität einer Organisationsstrategie im Kindergarten- und frühen Grundschulalter. Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg. (link)
Krajewski, K., Kron, V. & Schneider, W. (2004). Entwicklungsveränderungen des strategischen Gedächtnisses beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 36 (1), 47-58.
Wolfgang Schneider, Veronika Kron, Michael Hünnerkopf and Kristin Krajewski (2004). The development of young children’s memory strategies: First findings from the Würzburg Longitudinal Memory Study. Journal of Experimental Child Psychology, 88(2), 193-209.
Vorträge:
- Entwicklungsveränderungen des strategischen Gedächtnisses beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule am Beispiel einer semantischen Organisationsaufgabe mit besonderer Betrachtung der Phase des Nutzungsdefizits.
(Veronika Kron, Kristin Krajewski und Wolfgang Schneider, 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Berlin, September 2002)
- The Development of Young Children´s Memory Strategies: First Findings from the Würzburg Longitudinal Study
(Wolfgang Schneider, Veronika Kron, Michael Hünnerkopf and Kristin Krajewski, SRCD Biennial Meeting, April 24 - April 27, 2003)
- Entwicklung strategischer Gedächtnisprozesse zwischen 6 und 10 Jahren – “Nutzungsdefizit“ auch im intraindividuellen Entwicklungsverlauf?
(Veronika Kron, Wolfgang Schneider, 16. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Mainz, 7.-10.9.2003)
- Die Entwicklung der Wiederholungsstrategie im frühen Grundschulalter
(Michael Hünnerkopf, Wolfgang Schneider, 16. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Mainz, 7.-10.9.2003)
- The Development of Organizational Memory Strategies: Longitudinal Analyses.
(Poster von Veronika Kron, Maren Richter, Wolfgang Schneider und Marcus Hasselhorn, präsentiert bei der ISSBD in Ghent am Montag, 12.7.2004)
- Utilization deficiency in rehearsal - a longitudinal study.
(Poster von Michael Lingen, Michael Hünnerkopf, Marcus Hasselhorn und Wolfgang Schneider, präsentiert bei der ISSBD in Ghent am Mittwoch, 14.7.2004)
- Entwicklung multiplen Strategiegebrauchs am Beispiel einer semantischen Organisationsaufgabe
(Veronika Kron-Sperl, Wolfgang Schneider, 44. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Göttingen, 26.-30.9.2004)
- Die Rolle des Arbeitsgedächtnisses bei der Entwicklung der Wiederholungsstrategie
(Michael Hünnerkopf, Wolfgang Schneider, 44. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Göttingen, 26.-30.9.2004)
- Developmental changes in verbal memory: Findings from the Würzburg Longitudinal Memory Study
(Wolfgang Schneider, Michael Hünnerkopf and Veronika Kron-Sperl, SRCD Biennial Meeting, Atlanta, Georgia, April 7-10, 2005)
- Strategiemodell vs. Optimierungsmodell: Wodurch können intraindividuelle Entwicklungsverläufe besser vorhergesagt werden?
(Michael Hünnerkopf, Wolfgang Schneider, 17. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Bochum, 14.-16.9.2005)
- Längsschnittanalysen zur Entwicklung und Effektivität einer kategorialen Organisationsstrategie im Grundschulalter
(Veronika Kron-Sperl, Wolfgang Schneider, 17. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Bochum, 14.-16.9.2005)
