Zum Einfluss des Fernsehens auf die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen von Kindern

 

Wolfgang Schneider, Marco Ennemoser, Kathrin Schiffer & Christiane Reinsch

  

Theoretischer Hintergrund:

 

Seit das Fernsehen in den 50er Jahren Einzug in die heimischen Wohnzimmer gehalten hat, werden Befürchtungen im Hinblick auf mögliche schädliche Wirkungen dieses Mediums geäußert. Neben Bedenken im Hinblick auf die soziale und emotionale Entwicklung werden vor allem Beeinträchtigungen kindlicher Sprach- und Lesefertigkeiten diskutiert. Dabei existieren unterschiedliche Annahmen darüber, wie diese angeblich negativen Auswirkungen zustande kommen sollen. Neben der weit verbreiteten Hypothese, dass das Fernsehen das Lesen in der Freizeit verdrängt (Verdrängungs-Hypothese), wird vielfach davon ausgegangen, dass sich Kinder aufgrund der täglichen Bilderflut nicht mehr ausreichend konzentrieren können (Konzentrationsabbau-Hypothese) oder dass das Lesen durch das unterhaltsame Medium Fernsehen als vergleichsweise unattraktiv betrachtet wird (Leseabwertungs-Hypothese). Andererseits wird dem Fernsehen auch ein gewisses förderliches Potential zugeschrieben. Dieser Optimismus gründet sich vor allem auf Sendungen mit pädagogischen Inhalten, wie zum Beispiel der „Sesamstraße“ oder der „Sendung mit der Maus“. Obwohl das Thema bis zum heutigen Tag immer wieder heiß diskutiert wird, liegen bisher nur wenige fundierte Forschungsergebnisse vor. In der Literatur gibt es einige Hinweise darauf, dass das Fernsehen möglicherweise nicht auf alle Kinder die gleiche Wirkung hat, sondern dass je nach Alter, Geschlecht, Intelligenz und sozialem Hintergrund unterschiedliche Zusammenhangsmuster zwischen dem Fernsehkonsum und den sprachlichen bzw. schriftsprachlichen Fähigkeiten von Kindern bestehen. Dabei wird beispielsweise davon ausgegangen, dass sich die üblicherweise zu beobachtenden Differenzen in den Leseleistungen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten oder mit unterschiedlicher Intelligenz bei Kindern mit intensivem Fernsehkonsum (sog. „Vielseher“) nicht mehr finden lassen (IQ- bzw. SÖS-Mainstreaming).

 

Stichprobe und Methodik:

 

Im Rahmen der eigenen Studie sollen die genannten Hypothesen differenziert überprüft werden. Es wurden 1998 zwei Alterskohorten rekrutiert (je 165 Kindergartenkinder und Zweitklässler), die über einen Zeitraum von voraussichtlich fünf Jahren untersucht werden sollen. Über die Berücksichtigung der jüngeren Altersgruppe soll geklärt werden, inwieweit die üblicherweise bedeutsame Relation zwischen frühen Indikatoren sprachlicher Informationsverarbeitung und späteren Leseleistungen in Abhängigkeit von Geschlecht, Intelligenz und Schichtzugehörigkeit durch unterschiedlich intensiven und unterschiedlich gearteten Fernsehkonsum beeinflusst werden kann. Da die jüngere Alterskohorte bis zur vierten Klasse untersucht werden soll, liegen in beiden Kohorten Daten für die zweite bis vierte Klassenstufe vor. Von daher kann die Replizierbarkeit und Repräsentativität der Befunde für diesen Zeitraum genauer überprüft werden. Neben der Erfassung allgemeiner Angaben zu Sozialstatus und Familienkonstellation werden die 330 Familien in regelmäßigen Abständen zu ihren Mediengewohnheiten befragt und führen dabei jeweils über den Zeitraum einer Woche Tagebücher, in denen das Freizeitverhalten der Kinder differenziert erfasst wird. Gleichzeitig werden halbjährlich Tests zur Erfassung von Intelligenz, Sprachentwicklung, Lesefertigkeiten und Konzentrationsfähigkeit der beteiligten Kinder durchgeführt.

 

Zusammenfassung bisheriger Befunde:

 

Fernsehkonsum und Sprach- und Leseleistungen: Erste Ergebnisse der Studie zeigen, dass in beiden Kohorten eine Gruppe von Kindern mit besonders hohem Fernsehkonsum (sog. Vielseher) in der Regel die schwächsten Leistungen in den durchgeführten Sprach- und Lesetests erbrachte. In einzelnen Teilbereichen verfügten „vielsehende“ Kinder nicht nur über eine ungünstigere Ausgangslage, sondern sie zeigten im Verlauf eines Jahres auch deutlich geringere Leistungszuwächse als ihre Altersgenossen.

 

SÖS-Mainstreaming-Hypothese: Zunächst konnten die in der Literatur gefundenen Zusammenhangsmuster zwischen dem Ausmaß des Fernsehkonsums, der sozialen Schicht und den Sprach- und Leseleistungen von Kindern dahingehend bestätigt werden, dass Kinder aus benachteiligten Milieus höhere Fernsehzeiten aufwiesen und verstärkter Fernsehkonsum mit insgesamt schwächeren Sprach- und Leseleistungen korrespondierte. Darüber hinaus wurden in einer differenzierteren Analyse Kinder mit hohem Fernsehkonsum (Vielseher) und Kinder mit geringer ausgeprägtem Fernsehkonsum (Normal- und Wenigseher) in Bezug auf die Entwicklung ihrer Sprach- und Lesekompetenzen gegenübergestellt, wobei der sozioökonomische Status zusätzlich als Faktor berücksichtigt wurde. Dabei ergaben sich Interaktionen zwischen den beiden Faktoren Fernsehkonsum und Sozialstatus in dem Sinne, dass innerhalb der Gruppe der Kinder mit hohem sozioökonomischen Status die Vielseher häufig besonders schlechte Leistungen erbrachten. Die in der Literatur verbreitete "Mainstreaming-Hypothese”, der zufolge hoher Fernsehkonsum Schichtunterschiede in den Leistungsmaßen reduziert, ließ sich demnach allerdings nur teilweise bestätigen.

 

IQ-Mainstreaming-Hypothese: Im Gegensatz zu den Befunden bezüglich der SÖS-Mainstreaming-Hypothese lassen sich keinerlei Hinweise auf einen leistungshomogenisierenden Effekt erhöhten Fernsehkonsums auf unterschiedlich intelligente Kinder nachweisen. Entsprechende Analysen erbrachten teilweise sogar gegenläufige Befunde: In der jüngeren Altersgruppe ergaben sich im Wortschatz- und Sprachentwicklungstest Interaktionen zwischen den Faktoren allgemeine Intelligenz und Ausmaß des Fernsehkonsums in dem Sinne, dass die Vielseher unter den weniger intelligenten Kindern besonders schwache sprachliche Leistungen zeigten. Insofern scheint eher noch eine stärkere Beeinträchtigung weniger intelligenter Kinder mit übermäßigem Fernsehkonsum naheliegend als eine kompensierende Wirkung des Fernsehens im Sinne des Mainstreaming.

 

Prüfung der Verdrängungshypothese: Zusammenfassend scheint der Verdrängungshypothese keine große Bedeutung zuzukommen. In der jüngeren Kohorte fand sich lediglich ein sehr schwacher indirekter Verdrängungseffekt. Kinder mit einem höheren Fernsehkonsum bekamen geringfügig weniger Geschichten vorgelesen. Das elterliche Vorlesen wiederum begünstigte spätere eigenständige Leseaktivitäten. Zudem zeigte sich, dass vermehrte außerschulische Leseaktivitäten nicht unbedingt zu besseren Leseleistungen führen. Vielmehr deuten die Ergebnisse auf den umgekehrten Effekt hin, dass gute Leser in der Folge in ihrer Freizeit mehr lesen.

 

Förderhypothese: Während der Konsum von Erwachsenen- und Unterhaltungssendungen durchgängig negative Zusammenhänge mit den Sprach- und Leseleistungen der Kinder aufwies, ergaben sich für Sendungen mit pädagogischen Inhalten in der Regel tendenziell positive Korrelationen. Die bisherigen Ergebnisse liefern insgesamt erste Hinweise für förderliche Effekte pädagogisch intendierter Sendungen.

 

Die Bedeutung des Fernsehens als Prädiktor späterer Lese-Rechtschreibleistungen: Für die jüngere Kohorte konnte mit Hilfe eines linearen Strukturgleichungsmodells gezeigt werden, dass der vorschulische Fernsehkonsum auch unter Berücksichtigung relevanter kognitiver Prädiktoren und der sozialen Schicht einen eigenständigen und bedeutsamen Beitrag zur Vorhersage der Lese-Rechtschreibkompetenzen in der 3. Klasse leisten kann. Neuere Studien deuten darauf hin, dass sich Effekte des Fernsehens möglicherweise erst über einen längeren Zeitraum hinweg kumulieren. Diese Annahme wird auch dadurch gestützt, dass die Zusammenhänge des vorschulischen Fernsehkonsums mit den Lese-Rechtschreibleistungen am Ende der 1. Klasse noch vernachlässigbar waren und sich positive Effekte pädagogischer Sendungen ebenfalls noch nicht abzeichneten.

 

Zusammenfassung:

 

Bisher ist noch unklar, inwiefern das Fernsehen tatsächlich als Ursache für die schwächeren Sprach- und Leseleistungen der „Vielseher“ betrachtet werden kann. Ebenso plausibel ist die Annahme, dass Kinder mit sprachlichen Defiziten lediglich das „leichtere“ Medium Fernsehen als Freizeitbeschäftigung bevorzugen. Aus diesem Grunde wird im weiteren Forschungsverlauf überprüft, inwiefern sich tatsächlich Hinweise auf eine Ursache-Wirkungsbeziehung finden lassen, bzw. ob nicht auch andere Faktoren für die schwächeren Leistungen von Vielsehern verantwortlich gemacht werden können.

 

In Bezug auf Hypothesen über den „Wirkmechanismus“ bleiben die vorliegenden Befunde demnach noch unbefriedigend. Da nicht ohne weiteres von einer direkten kausalen Beeinträchtigung der Lese-Rechtschreibkompetenzen durch das Fernsehen ausgegangen kann, sind möglicherweise Variablen dafür verantwortlich, die an dieser Stelle nicht berücksichtigt wurden. Im Zuge weiterer Forschungsarbeiten sollen daher potenziell relevante Merkmale des familiären Hintergrundes, wie z.B. der Anregungsgehalt der Umwelt oder das elterliche Engagement in schulischen Angelegenheiten mit berücksichtigt werden, da diese möglicherweise mit dem Fernsehkonsum von Kindern in Beziehung stehen.

  

bisherige Publikationen:

 

Ennemoser, M., Schiffer, K., & Schneider, W. (2001). Empirisches Beispiel: Fernseh-Einfluss und Lesefertigkeit. In N.Groeben & B. Hurrelmann (Eds.), Lesekompetenz - Bedingungen, Dimensionen, Funktionen (pp. 236-247). Stuttgart: Juventa.

 

Ennemoser, M., Schiffer, K., & Schneider, W. (2002). Die Rolle des Fernsehkonsums bei der Entwicklung von Lesekompetenzen. In N.Groeben & B. Hurrelmann (Eds.), Lesekompetenz. Bedingungen, Dimensionen, Funktionen (pp. 236-250). Weinheim: Juventa Verlag.

 

Ennemoser, M. (2003). Der Einfluss des Fernsehens auf die Entwicklung von Lesekompetenzen: Eine Längsschnittstudie vom Vorschulalter bis zur dritten Klasse. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

 

Ennemoser, M. (2003). Effekte des Fernsehens im Vor- und Grundschulalter - Ursachen, Wirkmechanismen und differenzielle Effekte. Nervenheilkunde, 22, 443-453.

 

Ennemoser, M., Schiffer, K., Reinsch, C., & Schneider, W. (2003). Fernsehkonsum und die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen im frühen Grundschulalter: Eine empirische Überprüfung der SÖS-Mainstreaming-Hypothese. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35, 12-26.

 

Reinsch, C., Ennemoser, M., & Schneider, W. (1999). Die Tagebuchmethode zur Erfassung kindlicher Freizeit- und Mediennutzung. Interdisziplinäre Methodik der Lesesozialisationsforschung.SPIEL-Sonderheft (Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft), 18, 55-71.

 

Schiffer, K., Ennemoser, M., & Schneider, W. (2001). Die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen in Abhängigkeit von Fernsehkonsum und sozioökonomischem Status. [CD-Rom] Beitrag zur Tagung experimentell arbeitender Psychologen in Regensburg, April 2001.

 

Schiffer, K., Ennemoser, M., & Schneider, W. (2002). Die Beziehung zwischen dem Fernsehkonsum und der Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen im Grundschulalter in Abhängigkeit von der Intelligenz. Medienpsychologie, 14, 2-13.

 

Schiffer, K., Ennemoser, M., & Schneider, W. (2002). Die Beziehung zwischen dem Fernsehkonsum und der Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen im Grundschulalter in Abhängigkeit von der Intelligenz. Zeitschrift für Medienpsychologie, 14, 2-13.

 

Schiffer, K., Ennemoser, M., & Schneider, W. (2002). Mediennutzung von Kindern und Zusammenhänge mit der Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen. In B.Hurrelmann & N. Groeben (Eds.), Medienkompetenz - Voraussetzung, Dimensionen, Funktionen (pp. 282-298). Weinheim: Juventa.

 

Schneider, W., Ennemoser, M., & Reinsch, C. (1999). Zum Einfluß des Fernsehens auf die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen. In N.Groeben (Ed.), Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Ein Schwerpunktprogramm. (pp. 56-66). Tübingen: Max Niemeyer Verlag.