Sprachentwicklung und Schriftspracherwerb
Wolfgang Schneider, Peter Marx & Jutta Weber
Zahlreiche Trainingsstudien zur phonologischen Bewusstheit haben den Beleg dafür erbracht, dass Kinder, die ein erhöhtes Risiko für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten aufweisen, schon im Kindergartenalter effektiv gefördert werden können. Zur Bestimmung dieser „Risikokinder“ werden im Kindergarten Aufgaben zur phonologischen Informationsverarbeitung eingesetzt (z.B. im Bielefelder Screening „BISC“). Dabei geht es v.a. um den Umgang mit gesprochener Sprache (phonologische Bewusstheit), um das Behalten von vorgesprochenen Lautfolgen im Kurzzeitgedächtnis und um den schnellen Abruf aus dem Langzeitgedächtnis. Zur Klassifikation in Risiko- und Nicht-Risikokinder ist allerdings festzustellen, dass einige Kinder erst in der Schule auffällig werden, die das Screening im Kindergarten ohne große Schwierigkeiten absolviert haben. Die sehr hohen Trefferraten, die in der Evaluierungsstudie für das BISC ermittelt wurden, konnten bislang nicht repliziert werden. Frühe Defizite im Bereich der phonologischen Informationsverarbeitung scheinen zwar eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Lese-Rechtschreibproblemen zu spielen, können aber nicht als alleinige Erklärung dienen. Es deutet einiges darauf hin, dass es Kinder mit Sprachentwicklungsproblemen gibt, für die ebenfalls ein Risiko im Hinblick auf den Schriftspracherwerb besteht, die in den konventionellen Screening-Prozeduren jedoch nicht als problematisch klassifiziert werden. Offene Fragen betreffen auch den Aspekt vorschulischer Präventionsprogramme. Trainings zur phonologischen Bewusstheit (z.B. „Hören, Lauschen, Lernen I und II“, Küspert & Schneider, 2003 bzw. Plume & Schneider, 2004) scheinen präventive Effekte v.a. auf die frühe Lesefertigkeit (Dekodieren) und weniger auf das Leseverständnis zu haben. Inwieweit Kinder mit speziellen Sprachproblemen (z.B. Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen oder mit Migrationshintergrund) von den herkömmlichen Fördermaßnahmen in der Vorschule profitieren, ist ebenfalls unklar. Zur Klärung dieser und weiterer Fragen führten wir ein Längsschnittprojekt durch, in dem Korrelations- und Präventionsansätze kombiniert werden. Das Projekt gliedert sich in zwei Teilstudien mit zwei Alterskohorten. Die erste Kohorte besteht aus Kindern, die sich zu Beginn der Studie (2001) im ersten Kindergartenjahr befanden und etwa vier Jahre alt waren. Diese Alterskohorte diente der Überprüfung einer LRS-Präventionsmaßnahme und ermöglichte auch die Bestimmung der Stabilität der individuellen Unterschiede in den sprachlichen Fertigkeiten bis zur Grundschulzeit. Die zweite Alterskohorte setzte sich aus Kindern zusammen, die sich zu Beginn der Studie im letzten Kindergartenjahr befanden und etwa sechs Jahre alt waren. Sie sollte Erkenntnisse darüber liefern, welche Vorhersagekraft vorschulische Fertigkeiten, die nicht mit dem BISC erfasst werden, für die Lese-Rechtschreibentwicklung der frühen und fortgeschrittenen Grundschulphase haben. In der jüngeren Kohorte wurden zu Beginn der Studie 160 Kinder untersucht und mit fünf und sechs Jahren erneut getestet. Zu Beginn der letzten Kindergartenjahres wurde die Stichprobe auf 500 Kinder aus Regelkindergärten aufgestockt und zusätzlich um 100 Kinder aus SVE-Gruppen von Sprachheilschulen ergänzt (SVE = Schulvorbereitende Einrichtungen). Alle Regelkindergarten-Kinder wurden dann von den Erzieherinnen zwischen Dezember 2002 und Mai 2003 mit den in Würzburg von P. Küspert, E. Plume und W. Schneider entwickelten Trainingsprogrammen „Hören, Lauschen, Lernen I und II“ zur phonologischen Bewusstheit und zur Buchstaben-Laut-Zuordnung trainiert. Hier interessierten uns besonders die Auswirkungen des Trainings auf die oben genannten Teilgruppen mit Sprachproblemen. Geklärt werden sollte außerdem, welche Kinder nicht bzw. kaum von dem Training profitieren und welche Kinder trotz erfolgreichen Trainings (d.h. mit guter phonologischer Bewusstheit) in der Grundschule Lese-Rechtschreibschwierigkeiten entwickeln. Die Hälfte der SVE-Gruppen wurde ebenfalls trainiert, während die restlichen SVE-Gruppen als Kontrollgruppe dienten. In der älteren Kohorte wurden etwa 200 Vorschulkinder, die 2001 eingeschult wurden, vier Monate vor der Einschulung mit dem BISC und weiteren Aufgaben untersucht. Dadurch konnte die Vorhersagegenauigkeit verschiedener Variablen für die Lese- Rechtschreibentwicklung bis in die vierte Klasse überprüft werden.
Auswahl erster Ergebnisse Zur Vorhersage von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten durch das Bielefelder Screening (BISC): Bei unseren 346 trainierten Kindern aus Regelkindergärten konnte das BISC keine gute Vorhersage von Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten leisten: Weniger als 20% der Kinder, die in den ersten beiden Klassen im Lesen oder Schreiben unterdurchschnittlich abschnitten, konnten durch das BISC entdeckt werden. Zudem waren hinsichtlich der meisten Kriterien deutlich weniger als die Hälfte der Risikokinder auffällig. Zu beachten ist dabei jedoch, dass die Kinder trainiert waren. Das Ziel des Trainings ist schließlich, dass trainierte Risikokinder keine LRS bekommen. Allerdings gelang auch für die ältere Kohorte eine Vorhersage nicht wirklich zufriedenstellend. Es wurden weniger als die Hälfte der späteren Problemkinder entdeckt. Zudem entwickelten die meisten Risikokinder weitgehend unauffällige Lese-Rechtschreibleistungen. Zur Trainingswirkung bei den Kindern aus SVE-Gruppen von Sprachheilschulen: Es zeigte sich ein unmittelbarer Trainingseffekt auf die phonologische Bewusstheit. Insbesondere im Anlauterkennen und in der Buchstabenkenntnis, aber auch in Phonemanalyse, Phonemsynthese und Reimen verbesserten sich die trainierten SVE-Kinder signifikant stärker als die untrainierten. Allerdings war der Effekt in den SVE-Gruppen vor allem bei den schwierigeren Aufgaben zur phonologischen Bewusstheit im engeren Sinne (Umgang mit Einzellauten) insgesamt niedriger als in den Regelkindergärten. Insbesondere die schwächeren Kinder konnten ihren Rückstand nur in der phonologischen Bewusstheit im weiteren Sinne (Silben, Reime) etwas aufholen, während sie sich bei den schwierigeren Aufgaben auch nach dem Training noch sehr schwer taten. So war dann auch der Effekt zu Schulbeginn nur noch sehr gering und bei den Lese- und Rechtschreibtests am Ende der ersten Klasse zeigte sich kein signifikanter Vorteil der trainierten Kinder mehr. Bemerkenswert war jedoch, dass fast alle rechtschreibschwachen SVE-Kinder zu Beginn der ersten Klasse bereits in einem Test zur phonologischen Bewusstheit auffällig waren. Die SVE-Kinder, die im DRT 1 unter PR 25 lagen, hatten sich auch vom Vor- zum Nachtest in der phonologischen Bewusstheit im engeren Sinne kaum verbessert. Daher lassen sich unsere Ergebnisse wohl am ehesten so interpretieren, dass für die schwächeren Kinder die zweite
Zur Trainingswirkung bei Kindern mit Migrationshintergrund Kinder mit Migrationshintergrund konnten sich während des vorschulischen Trainings ähnlich wie die Kinder mit deutscher Muttersprache hinsichtlich ihrer phonologischen Bewusstheit und ihrer Buchstabenkenntnis verbessern. Die Migrantenkinder konnten in den relativ leichten Aufgaben ihren teilweise recht deutlichen Rückstand aus dem Vortest größtenteils aufholen. In den schwierigsten Aufgaben haben die Migrantenkinder dagegen etwas weniger profitiert. Bemerkenswert ist, dass der Zusammenhang zwischen den nach dem Training erzielten Leistungen in der phonologischen Bewusstheit und den Lese- und Rechtschreibleistungen für die Migrantenkinder genauso hoch ist wie für die Kinder mit deutscher Muttersprache. Unabhängig vom Sprachhintergrund scheint die phonologische Bewusstheit eine entscheidende Bedeutung für den Schriftspracherwerb zu haben.
Die Stabilität sprachlicher Fähigkeiten Für die Frage der Stabilität sprachlicher Fähigkeiten wurde aus der jüngeren Kohorte eine Teilstichprobe von 111 Kindern vom ersten Kindergartenjahr bis zum zweiten Grundschuljahr mehrfach hinsichtlich Wortschatz, Grammatik, phonologischer Bewusstheit, phonologischem Arbeitsgedächtnis und Geschwindigkeit des Abrufs aus dem Langzeitgedächtnis untersucht. Im Kindergartenalter zeigten sich hohe Stabilitäten in den Bereichen Grammatik (r .70) und Abruf aus dem Langzeitgedächtnis (r .60) sowie moderate bis mittelhohe Stabilitäten für die phonologische Bewusstheit (r .40), den Wortschatz (r .50) und das Arbeitsgedächtnis (r > .50). Über den Zeitraum von vier Jahren fielen die Stabilitäten erwartungsgemäß geringer aus, bewegten sich jedoch noch zwischen r = .35 und r = .56. Die relativ hohen Korrelationen dürfen jedoch nicht über die Schwierigkeit individueller Prognosen hinwegtäuschen.
Auswahl bisheriger Veröffentlichungen
Weber, J., Marx, P. & Schneider, W. (2007). Die Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bei Kindern mit nichtdeutscher Herkunftssprache durch ein Training der phonologischen Bewusstheit. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 21, 65-75.
Weber, J., Marx, P. & Schneider, W. (2007). Die vorschulische Förderung der phonologischen Bewusstheit. In H. Schöler & A. Welling (Hrsg.), Sonderpädagogik der Sprache (S. 746-761). Göttingen: Hogrefe.
Marx, P. & Weber, J. (2006). Vorschulische Vorhersage von Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten: Neue Befunde zur prognostischen Validität des Bielefelder Screenings (BISC). Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 20, 251-259.
Weber, J., Marx, P. & Lenhard, W. (2006). Prognose und Prävention von schulischen Leseproblemen. PÄD Forum: unterrichten erziehen, 34 bzw. 25, 289-292.
Marx, P., Weber, J. & Schneider, W. (2005). Langfristige Auswirkungen einer Förderung der phonologischen Bewusstheit bei Kindern mit Defiziten in der Sprachentwicklung. Die Sprachheilarbeit, 50, 280-285.
Marx, P., Weber, J. & Schneider, W. (2005). Phonologische Bewusstheit und ihre Förderung bei Kindern mit Störungen der Sprachentwicklung. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 37, 80-90.
Marx, P. & Weber, J. (2004). Wie gut lassen sich Lese-Rechtschreibschwierigkeiten bereits im Kindergarten vorhersagen? Neue Ergebnisse zum Bielefelder Screening. In A. Möckel, E. Breitenbach, W. Drave & H. Ebert (Hrsg.), Lese-Schreibschwäche – Vorbeugen, Erkennen, Helfen (S. 194-208). Würzburg: bentheim bildung.
Marx, P. & Weber, J. (2004). Das Würzburger Trainingsprogramm. In A. Möckel, E. Breitenbach, W. Drave & H. Ebert (Hrsg.), Lese-Schreibschwäche – Vorbeugen, Erkennen, Helfen (S. 130-140). Würzburg: bentheim bildung.
Weber, J. & Marx, P. (2004). Förderprogramme bei Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. In A. Möckel, E. Breitenbach, W. Drave & H. Ebert (Hrsg.), Lese-Schreibschwäche – Vorbeugen, Erkennen, Helfen (S. 209-227). Würzburg: bentheim bildung
Schneider, W., Marx, P. & Weber, J. (2002). Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung: Risikofaktoren für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Kinderärztliche Praxis, 3, 186-194. |

Aufgaben zur Phonologischen Bewusstheit